21. August

Ohne grössere Zwischenfälle angekommen. Nachdem ich mit einer 20-minütigen Verspätung in Heathrow angekommen bin, habe ich mich ohne Probleme zum Busbahnhof gekämpft. Zwei Koffer mit sich zu schleppen ist auch ohne Probleme ein Kampf, darum steht das Wort „Kampf“ ganz beabsichtigt und berechtigt dort. Um mir die Zeit ein bisschen zu vertreiben, wie immer mit Essen, habe ich mich in ein Café gesetzt. Aus Platzgründen habe ich meinen Koffer ein bisschen weg von mir hingestellt und näher zu einem Tisch eines älteren Paars. Giftige Blicke habe ich dafür erhalten, gerne hätte ich aber gehabt, dass sie giftige Worte über mich ausgetauscht hätten, denn es waren Schweizer, welche sich wahrscheinlich in einer trügerischen Sicherheit gewähnt hätten. Sofort hätte ich dann kurz und frech auf Schweizerdeutsch reagiert und die bloss Gestellten hätten beschämt zu Boden geschaut und ich wäre triumphierend dagesessen. Nun leider haben sie es bei den bösen Blicken belassen. Sie haben das Café bald verlassen. Vielleicht hatte mein Koffer eine vertreibende Wirkung.

Um 15.08 brach meine 5-stündigen Busfahrt an, welche ich euch nun erspare aus dem einfachen Grund, dass es einfach nichts zu erzählen gibt. Mein nicht den Richtlinien entsprechendes superschweres Gepäck hat wegen meinem charmanten Lächeln keine Rolle gespielt, hätte aber vielleicht sowieso keine Rolle gespielt, aber ich bilde mir gerne Ersteres ein.

Am Busbahnhof in Norwich angekommen sollte ich auf W., einen der Deutschlehrer, warten. Leider wusste ich nicht, wie er aussieht. Vorgestellt habe ich mir ihn Mitte Vierzig und dicklich (er klang in seinen Emails immer so locker). Alter war korrekt, Figur, da bin äusserst falsch gelegen. Aber das wusste ich ja noch nicht, so habe ich jeden vorbeigehenden Mann angestarrt, auf eine unauffällige Weise, aber doch nicht zu unauffällig, damit er sich nicht von mir abgewiesen fühlen würde, damit ihm klar wäre, dass ich eine auf jemanden wartende Person bin. Einige irritierte Blicke habe ich dafür erhalten. Dies waren unnötige Mühen. W. hat schon von Weitem gerufen, ob ich Sophie sei. Ein britisches Englisch zum Sterben, so schön. Wir sind dann in meine WG gefahren, W. hat darauf bestanden, ein Taxi zu nehmen und ich muss sagen, ich habe keinen heftigen Widerstand geleistet. Wie vorgewarnt war niemand zu Hause: Die Schottin, welche schon letztes Jahr in der Wohnung gewohnt hatte und die ich übers Telefon schon ein bisschen kennengelernt hatte, ist noch für eine ganze Weile in Schottland und von der anderen Mitbewohnerin (französische oder spanische Sprachassistentin) hatte niemand eine Ahnung, wann sie eintreffen würde. Es stand auf einem Zettel der Schottin, ich könne wählen, welches der zwei übrigen Zimmer ich nehmen wolle und ich habe mich für das deutlich grössere entschieden. Aber ganz im Ernst ein brutal schlechtes Gewissen gehabt, sogar schlecht geschlafen deswegen, aber well well, ich bin nun drüber hinweg … fast. Wer zuerst kommt, kommt zuerst, oder? (An dieser Stelle bitte ich euch, ganz viele bestätigende Kommentare und SMS zu schreiben)  Zur Wohnung selber, die ist echt schön und sauber. Es handelt sich beim Gebäude wahrscheinlich um ein älteres. Es hat zwei Cheminées, beide kann man wahrscheinlich nicht mehr benutzen, aber dem Hipster in mir gefällt das Flair. Sonstige Hinweise zur Wohnung waren, dass die Fenster zumindest im Badezimmer immer offen stehen sollten. Immer???? It’s gonna be fuckin‘ freezing! Und es wurde „fuckin‘ freezing“, oder man kann zumindest sagen, dass das Zähneputzen kein reines Vergnügen war. 

W. hat netter Weise schon etwas zum Znacht für mich besorgt. Abgepackte Croissants mit „jam“. Der Wille zählt!