Coiffeur Termin

Schon seit einer Woche verwandelt sich Norwich jeden Abend in ein kitschig blau leuchtendes Lichtermeer. Tagsüber erinnern aber nur die schwarzen Kabel und die Star bucks Werbungen für den Gingerbread Latte, dass Norwich sich bereits im Weihnachtsfieber befindet. Die Werbung hat mich innerlich zerrissen, sollte ich mir diese unglaublich attraktiv ausschauende Kalorienbombe gesprenkelt mit entindividualisierender Globalisierung kaufen oder sollte ich Star bucks weiterhin boykottieren. Da ist mir eine ganz andere Werbung ins Auge gesprungen. In schludriger Handschrift stand auf einer Tafel: „Free haircut, our 2nd year trainee is in today“ Schmerzlich wurde mir bewusst, dass auch meine Haare sich das Abschneiden der Spitzen sehnlichst wünschten. Wie grausam diese Coiffeurbesuche doch immer sind. Monatelang versucht man mit Conditioner, Pflegen und sonstigen Produkten, die Haare zum Wachsen zu überreden. Wenn sie sich dann endlich dazu entschlossen haben, sich ein kleines bisschen in die Länge zu strecken, sagt einem der Coiffeur in anklagendem Ton, man habe zu lange gewartet, die Haare seien ungesund und man müsse schon etwa tausend cm abschneiden, damit sie wieder schön seien. Was will man sich da seiner qualifizierten Meinung widersetzen. Dann nachdem man qualvoll bemerkt hat, dass die Haare noch kürzer waren, als nach dem letzten Mal Schneiden, erwartet er auch noch Dankbarkeit. Ich bin ja auch schon mit feuchten Augen aus gewissen Salons geflüchtet, nicht ohne bezahlt zu haben natürlich, was das Wort Flüchten wieder ein wenig entschärft. 

Trotz meiner gemischten Gefühle habe ich mich dazu entschlossen, mich auf das Angebot einzulassen. Vielleicht auch deswegen, weil der Salon von aussen unglaublich ‚posh‘ wirkte. Unsicher habe ich mich durch die Glastür geschoben und wurde sofort von einer Rezeptionistin in Empfang genommen. Nach wenigen Sekunden kamen aus einem Nebenraum angestürmt eine starkgeschminkte junge Frau und hinter ihr ein älterer Herr in Designerkleider. Ohne nach meinem Wunsch zu fragen, wurde ich von der jungen Dame mit dem orangen Make-up in einen Stuhl gesetzt, wo sie meine Haare mit viel Enthusiasmus und wenig Worten gewaschen hat.

Als es dann ans Schneiden gegangen ist, hat sich der ältere Herr dann zu uns gesellt. Mit einem breiten französischen Akzent hat er mich gefragt, was ich wolle. Ein bisschen enttäuscht, dass es nur um Spitzenschneiden ging, hat er angefangen der Praktikantin zu erklären, wie sie schneiden müsse. Danach bekam sie die Gelegenheit, meine Haare zu schneiden, nur um wenige Sekunden von Marcel, dem Franzosen, mit den Worten „non non non“unterbrochen zu werden. Sie müsse doch die Arme so halten und nicht so und wenn es nicht die Arme waren, dann waren es die Finger oder die Hände oder die Augen, welche nicht mit genug Schwung oder Gewandtheit arbeiteten. Ich war ziemlich froh, nicht an ihrer Stelle gewesen zu sein. Mein Platz war trotz fehlender Lehne gemütlicher als ihrer, zumindest ausser Gefecht.

Als Marcel dann herausfand, dass ich nicht von GB bin, wurde er plötzlich noch eine Spur freundlicher und erzählte, er sei aus Paris. Natürlich war er das, mit seinem weissen Designeranzug, dem rosa Hemd und dem passend weissen Hut. Man muss zugeben, vielleicht hat er ja nicht so einen leichten Job, er ist zumindest nicht der geborene Lehrer. Er hatte absolut null Verständnis, wenn der Blick seiner Praktikantin von seinen geschickten Coiffeurhänden abschweifte.

Als die beiden nach 40 min immer noch an meinen Haaren herumschnetzelten, wurde mir bang ums Herz. Mit einem Klos im Hals dachte ich, dass es ja wenigstens gratis war.  Mein einziger Trost war, dass sein Rücken beim Schneiden leicht gebückt war, woraus ich schloss, dass meine Haare nicht zu weit oben aufhören konnten. Aber siehe da, als sie fertig waren, hat sich meine rote Mähne kaum sichtbar verkürzt. Was für eine Erleichterung. Ganz glücklich habe ich ihm anvertraut, dass ich schon fast ein bisschen Angst gehabt hätte. Mit einem Schulterklopfen hat er geantwortet, er habe das schon gespürt, darum sei er vorsichtig gewesen, nächstes Mal können wir ja dann ein wenig experimenteller vorgehen. Nett habe ich genickt, da es ein nächstes Mal sowieso nicht geben wird, so viel Geld möchte ich dann doch nicht ausgeben. Ich muss aber zugeben, dass es der beste Coiffeur war, bei dem  ich  je gewesen bin.